
Das Sänger- und Tanzfest in Estland
Zehntausende Stimmen, Tausende Tänzer und ein ganzes Land in Feststimmung: Estlands Sänger- und Tanzfest muss man einmal erlebt haben.
- Ein Fest, das viel über Estland erzählt
- Von 1.000 Sängern zum Fest einer ganzen Nation
- Viel mehr als ein großes Konzert
- Feuer, Trachten und ein großer Festzug
- Ein Familientreffen
- Zwei Jahre Vorbereitung
- Regen? Sonne? Gesungen wird trotzdem
- Kleine Feste zwischendurch
- Das Sänger- und Tanzfest 2028
- Man muss dabei sein!
Fragen Sie Esten danach, was ihr Land ausmacht, dauert es vermutlich nicht lange, bis das Gespräch auf das Sänger- und Tanzfest kommt. Das liegt nicht allein daran, dass es zu den größten Kulturereignissen des Landes gehört. Für viele Esten ist es weit mehr als ein Festival: Es ist Ausdruck ihrer Sprache und Kultur, ihrer Geschichte und ihres Zusammengehörigkeitsgefühls.
Ein Fest, das viel über Estland erzählt
Und dann sind da natürlich die Dimensionen. Zehntausende Sängerinnen und Sänger stehen gemeinsam unter dem gewaltigen Bogen des Tallinner Sängerfeldes. Tausende Tänzerinnen und Tänzer in traditionellen Trachten bilden im Stadion riesige Muster, die sich ständig verändern. Auf den Rängen und dem Sängerfeld verfolgen Zehntausende Zuschauer das Geschehen – und früher oder später singt ein beträchtlicher Teil von ihnen einfach mit.
Das kann feierlich sein, ausgelassen, berührend und manchmal alles gleichzeitig. Wer verstehen möchte, warum dieses Fest für Estland so wichtig ist, kann viel darüber lesen. Noch besser ist allerdings: einmal selbst dabei sein.
Tanzen mit langer Vorbereitung
Alt und Jung sind gleichermaßen begeistert.
Von 1.000 Sängern zum Fest einer ganzen Nation
Die Geschichte beginnt 1869 in Tartu. Unter der Leitung von Johann Voldemar Jannsen fand dort das erste Sängerfest statt. Rund 1.000 Mitwirkende waren dabei – ausschließlich Männer in Chören und Blasorchestern. Im Laufe der Jahrzehnte wurde das Fest größer und vielfältiger: Gemischte Chöre, Frauen-, Jungen-, Mädchen- und Kinderchöre kamen ebenso hinzu wie weitere Orchester und Musikensembles. Später zog das große Fest nach Tallinn. 1934 fand dort erstmals auch ein Tanzfest statt, seit 1947 werden Sänger- und Tanzfest überwiegend gemeinsam gefeiert.
Aus einem Musikereignis des 19. Jahrhunderts entwickelte sich damit eine Tradition, die Generationen miteinander verbindet. Kinder erleben sie häufig zunächst als Zuschauer, stehen später selbst im Chor oder in einer Tanzgruppe und kommen Jahrzehnte danach noch immer zum Fest. Entsprechend selbstverständlich gehört das Ereignis für viele Menschen zur eigenen Biografie.
Seit 2003 steht die Tradition der baltischen Sänger- und Tanzfeste auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit. Das Entscheidende daran lässt sich allerdings nicht konservieren und in eine Vitrine stellen: Die Tradition lebt nur, weil immer neue Generationen tatsächlich singen, tanzen, musizieren und zuschauen.

Viel mehr als ein großes Konzert
Das Sänger- und Tanzfest wird in Estland gern als eine Art großes Familientreffen bezeichnet. Das passt erstaunlich gut. Die Esten gelten nicht unbedingt als Volk, das bei jeder Gelegenheit die große Gemeinschaftsgeste sucht. Beim Sänger- und Tanzfest funktioniert sie trotzdem – und zwar generationsübergreifend.
Hier geht es um Musik und Tanz, aber eben auch um die estnische Sprache, um Bräuche, Trachten und die Erinnerung an die eigene Geschichte. Menschen unterschiedlichen Alters und aus allen Teilen der Gesellschaft stehen gemeinsam auf der Bühne oder sitzen nebeneinander im Publikum. Dazu kommen Esten aus aller Welt, die für das Fest in ihre Heimat zurückkehren.
Die Bedeutung des gemeinsamen Singens reicht dabei weit über das Festival hinaus. Besonders eindrucksvoll zeigte sich das während der Singenden Revolution am Ende der sowjetischen Besatzungszeit, als gemeinsames Singen zu einem Symbol des friedlichen estnischen Unabhängigkeitsstrebens wurde. Das Sängerfeld in Tallinn war einer der zentralen Orte dieser Bewegung.
Das Sänger- und Tanzfest ist deshalb Unterhaltung und kulturelles Gedächtnis zugleich. Oder, wie es ein schönes Bild aus der Geschichte des Festes beschreibt: Es ist Segel und Anker. Ein Segel, das die Gesellschaft durch wechselnde Zeiten trägt – und ein Anker, der Esten überall auf der Welt mit ihrer Heimat verbindet.

Feuer, Trachten und ein großer Festzug
Über mehr als 150 Jahre sind rund um das Fest eigene Traditionen entstanden. Eine davon beginnt dort, wo 1869 alles seinen Anfang nahm: in Tartu.
Dort wird das Festivalfeuer entzündet. Ähnlich dem olympischen Feuer reist es anschließend durch Estland bis nach Tallinn. Dort warten beim Tanzfest Tausende Tänzerinnen und Tänzer im Kalev-Zentralstadion. Wenn sich die Gruppen in ihren traditionellen Trachten über das Feld bewegen und immer neue geometrische Figuren entstehen lassen, wird schnell klar: Volkstanz kann ausgesprochen spektakulär aussehen.
Zum festen Repertoire gehört auch der „Tuljak“, einer der bekanntesten estnischen Volkstänze. Er bildet traditionell den Abschluss des Tanzfestes – und wird entsprechend sehnsüchtig erwartet.

Ein Familientreffen
Das Sänger- und Tanzfest wird passender Weise auch als großes Familientreffen bezeichnet. Im Allgemeinen sind die Esten ziemlich individualistisch. Aber hier zeigt sich ein seltener Konsens in Bezug auf traditionellen Volkstanz und estnische Musik, Patriotismus und die Dankbarkeit gegenüber den Vorfahren, deren Bräuche man in Ehren halten möchte.
Wie bereits gesagt, hat sich das Sänger- und Tanzfest ständig weiterentwickelt. Immer war es auch Ausdruck der aktuellen Generation seiner Teilnehmer. Im Laufe der Zeit sind eine Reihe neuer Traditionen entstanden, die nun nicht mehr wegzudenkender Teil des Festes sind. Als Hommage an Tartu, wo die ersten Festivals stattfanden, beginnt heute jedes landesweite Sänger- und Tanzfest in der Universitätsstadt im Süden des Landes. Wie beim Olympischen Feuer wird die in Tartu entzündete Festival-Flamme dann durch ganz Estland bis nach Tallinn getragen, wo in der Kalev-Arena tausende Tänzer auf ihre erste Performance warten. Das Tanzfest wird mit dem "Tuljak" beendet – dem stets mit Spannung erwarteten und von Anna Raudkats initiierten Abschlusstanz des Festivals.
Nach dem Tanzfest kommt die Stadt selbst in Bewegung. Die Teilnehmer ziehen gemeinsam in einem großen Festzug durch Tallinn zum Sängerfeld. Trachten, Musik, Fahnen und Tausende Mitwirkende machen schon den Weg zum nächsten Veranstaltungsort zu einem Teil des Festes. Am Straßenrand verfolgen zahlreiche Zuschauer die Prozession.
Auf dem Sängerfeld angekommen, beginnt der musikalische Höhepunkt. Das Sängerfest wird traditionell mit Aleksander Kunileids „Koit“ („Morgenröte“) eröffnet. Dann erhebt sich unter dem riesigen Sängerbogen ein Chor aus Zehntausenden Stimmen.
Spätestens an diesem Punkt wird es schwierig, das Ereignis nur noch mit Zahlen zu beschreiben.
Ein Fest mit großer Bedeutung
Das Sänger- und Tanzfest in Estland gehört zum UNESCO Weltkulturerbe
Zwei Jahre Vorbereitung für ein paar unvergessliche Tage
Was während des Festes so selbstverständlich und gemeinschaftlich wirkt, ist das Ergebnis enormer Vorbereitung. Fast zwei Jahre vor dem nächsten Sänger- und Tanzfest beginnt die heiße Phase. Nachdem die künstlerischen Leitungen das Programm zusammengestellt haben, melden sich Chöre, Orchester und Tanzgruppen an und beginnen mit dem Einstudieren des Repertoires. Auch Ensembles aus dem Ausland können am Sängerfest teilnehmen – sie müssen sich rechtzeitig registrieren und das überwiegend estnischsprachige Programm erarbeiten.
Für das Publikum wird es ungefähr ein halbes Jahr vor dem Fest ernst, wenn der Ticketverkauf beginnt. Wer unbedingt dabei sein möchte, sollte diesen Zeitpunkt im Blick behalten: Das Interesse ist groß.
Wie groß, zeigte eindrucksvoll das Jubiläumsfest 2019. Es hatte 44-mal so viele Mitwirkende wie das erste Sängerfest von 1869. Die Tanzaufführungen waren ausverkauft – und erstmals in der Geschichte galt das auch für das Sängerfest. Rund 100.000 Menschen kamen dort zusammen.
Beim Tanzfest finden im Tallinner Kalev-Zentralstadion üblicherweise drei rund zweistündige Aufführungen desselben Programms statt. Bei jeder können etwa 10.000 Zuschauer dabei sein. Das Sängerfest zieht anschließend auf das Tallinner Sängerfeld, das ungefähr 70.000 Zuschauern Platz bietet.

Gespannte, freudige Erwartung
Gleich geht's los!
Regen? Sonne? Gesungen wird trotzdem.
Ein wichtiger Hinweis für alle, die das Sänger- und Tanzfest besuchen möchten: Es findet draußen statt.
Estnisches Sommerwetter kann herrlich sein. Es kann aber auch beschließen, sämtliche Varianten eines nordischen Sommers an einem einzigen Wochenende vorzuführen. Deshalb gehören Sonnencreme und Regenschutz gleichermaßen ins Gepäck. Das Fest lässt sich von solchen Kleinigkeiten ohnehin nicht beeindrucken: Bei Sonne wird gesungen – und bei Regen eben auch.
Etwas Planung lohnt sich ebenfalls. Wenn Zehntausende Mitwirkende und Besucher gleichzeitig unterwegs sind, befindet sich Tallinn für ein paar Tage in einem freundlichen Ausnahmezustand. Straßen werden gesperrt, der Verkehr wird umgeleitet und Wege dauern länger als gewöhnlich. Wer früh losgeht und etwas Geduld mitbringt, hat mehr vom Fest.

Kleine Feste halten die große Tradition lebendig
Zwischen den großen landesweiten Festen wird keineswegs fünf Jahre lang geschwiegen. In ganz Estland finden kleinere regionale Sänger- und Tanzfeste statt. Chöre, Orchester und Tanzgruppen proben ohnehin kontinuierlich – und geben die Tradition an die nächste Generation weiter.
Gerade darin liegt ein Teil des Geheimnisses. Das Sänger- und Tanzfest ist kein historisches Spektakel, das alle paar Jahre für Touristen aus der Schublade geholt wird. Es ist die weithin sichtbare Spitze einer lebendigen Alltagskultur. Tausende Menschen verbringen einen erheblichen Teil ihrer Freizeit damit, gemeinsam zu singen, zu musizieren und zu tanzen.
Wenn dann schließlich alle in Tallinn zusammenkommen, fühlt sich das große Fest tatsächlich ein wenig wie jenes berühmte Familientreffen an.

2028 wird alles ein bisschen anders
Normalerweise wechseln sich das allgemeine Sänger- und Tanzfest und das Jugendfest in einem festen Rhythmus ab. 2028 werden beide Generationen jedoch zusammengebracht – und Tallinn feiert gleich an zwei aufeinanderfolgenden Juliwochenenden.
Am ersten Wochenende gehört die Bühne dem Tanz:
1.–2. Juli 2028
XXII. Tanzfest und XIV. Jugendtanzfest
Eine Woche später wird gesungen:
8.–9. Juli 2028
XXIX. Sängerfest und XIV. Jugendsängerfest
Damit bietet 2028 eine außergewöhnliche Gelegenheit, die ganze Bandbreite dieser estnischen Tradition zu erleben – Jugend und Erwachsene, Tanz und Gesang.

Man muss es erleben
Man kann erklären, wann das erste Sängerfest stattfand, wie viele Menschen teilnehmen und wie lange die Vorbereitung dauert. Man kann von UNESCO, Trachten, Feuer und Festzügen erzählen. Und man kann versuchen zu beschreiben, was passiert, wenn Zehntausende Stimmen unter dem Sängerbogen gleichzeitig einsetzen.
Ganz erfassen lässt sich das Sänger- und Tanzfest damit trotzdem nicht.
Man muss dabei sein – als Sänger, Tänzer oder Zuschauer.
Die nächste Gelegenheit kommt im Juli 2028. Und falls Sie dann plötzlich zwischen Zehntausenden Esten stehen und mitsingen, obwohl Sie eigentlich gar kein Estnisch können: Keine Sorge. Sie wären vermutlich nicht die Ersten.
Lassen Sie sich inspirieren ...
Zuletzt aktualisiert
06.10.2026


